Lea Eickhorst

Lea Eickhorst

Psychologische Beratung & Coaching

Lea Eickhorst

Psychologische Beratung & Coaching

19.12.2025 | Lesedauer ca. 9 Minuten | von Lea Eickhorst

Autistisches Imposter-Syndrom: Bin ich wirklich autistisch oder rede ich es mir nur ein?

In den vergangenen Jahren haben sich Wissen und Erkenntnisse über Autismus und ADHS besonders bei Frauen und anderen marginalisierten Gruppen (z. B. genderdiversen Menschen oder PoC) stark gewandelt. Für viele spät diagnostizierte autistische Erwachsene bringt das zwar Erleichterung, gleichzeitig steigt aber auch die Unsicherheit, ob sie wirklich autistisch sind oder sich Autismus nur einreden. 

Es gibt mehr Aufmerksamkeit in Forschung und Gesellschaft und daher mehr Sichtbarkeit für diese massiv unter- und fehldiagnostizierten Gruppen. Heute ist klar, dass Autismus nicht nur bei weißen Jungs auftritt und ADHS sich nicht im Erwachsenenalter „verwächst“. 

Was ist das (autistische) Imposter-Syndrom?

Das Imposter-Syndrom (auch Hochstapler-Syndrom) beschreibt die ständige Angst, des Lügens oder Betrügens überführt zu werden. Man glaubt, dass eigene Leistungen oder Erfolge nur auf Glück, Irrtum oder Täuschung basieren und der Tag kommen wird, an dem alles aufgedeckt und man entlarvt wird. Beweise, die gegen die Imposter-Theorie sprechen könnten, werden nicht angenommen. Es ist kein Krankheitsbild oder eine Diagnose und kann bei allen Menschen auftauchen und unterschiedliche Lebensbereiche betreffen.

Der Ausdruck „autistisches Imposter-Syndrom“ beschreibt die Anzweiflung, ob man wirklich autistisch ist, also das Gefühl, sich Autismus nur einzureden. Besonders häufig tritt es bei spät diagnostizierten autistischen Erwachsenen oder bei Menschen mit Autismus Selbstdiagnose auf.

Jahrelanges Maskieren – warum besonders spätdiagnostizierte autistische Erwachsene zweifeln

Eine späte Autismusdiagnose kann für Betroffene enorm erleichternd sein und einen Wendepunkt im Leben bedeuten. Plötzlich wird klar, dass die Schwierigkeiten, die einen oft ein Leben lang begleitet haben, nicht durch persönliche Fehler entstanden sind, sondern durch unerkannten Autismus. Das „Sich-anders-fühlen“ wird erklärt und es gibt plötzlich Worte, die das eigene Erleben beschreiben. Eine ganze Welt mit anderen Betroffenen, denen es auch so geht, kann sich einem eröffnen.

Auf der anderen Seite kann die Vermutung oder auch tatsächliche Feststellung, autistisch zu sein, große Fragen aufwerfen: „Bin ich wirklich autistisch, wenn es so viele Jahre nicht bemerkt wurde? Und bin ich überhaupt autistisch ‚genug‘, wenn ich keine Spezialinteressen habe und Augenkontakt halten kann?“ Andere haben Symptome, die man selbst nicht hat, und vielleicht sind sie auch nicht so zuordenbar oder eindeutig. Doppeldiagnosen (AuDHD), überdeckte Symptome oder Komorbiditäten (z. B. Depressionen, Angststörungen) können die Differenzierung und Zuordnung erschweren. Und könnte es eine andere Erklärung geben? Geht es einem vielleicht nur um Aufmerksamkeit oder ist es gar eine Modediagnose?

Was ist Maskieren bei Autismus?

Unter Maskieren im neurodivergenten Kontext versteht man das unbewusste oder bewusste Verbergen oder Verschleiern von autistischen, ADHS-typischen oder anderen neurodivergenten Merkmalen. Man versucht sich anzupassen, um neurotypisch zu wirken. Das Maskieren wirkt als Schutz vor Ablehnung, Ausgrenzung oder drohenden Benachteiligungen und dient dazu, den Erwartungen der Umgebung zu entsprechen. Es kann sowohl die Unterdrückung von Bedürfnissen, z. B. Stimming, Erholungszeiten, als auch erlerntes Verhalten wie einstudierter Small Talk, Mimik und Gestik und erzwungener Blickkontakt umfassen. Das eigene Verhalten wird ständig überwacht und korrigiert. Die Anpassung kann so weit gehen, dass man unterschiedliche Rollen annimmt, je nachdem, in welchem Umfeld man ist oder mit wem man spricht. Ständiges Maskieren kann zu chronischer Erschöpfung, Burn-out, Depressionen, Angststörungen und Identitätsverlust führen.

Maskierte Identität und Unsicherheit, ob man autistisch ist

Besonders für spätdiagnostizierte autistische Personen kann das Maskieren so automatisch sein, dass es wie die eigene Identität wirkt. Häufig wird erst klar, wie stark man maskiert und wie viel Energie es kostet, wenn Autismus entdeckt wird.

Wenn Maskieren jahrelang Teil der eigenen Identität war, ist es schwer zu unterscheiden, was Anpassung ist, was eine Rolle spielen ist und was die eigentliche, authentische Identität ist. Die Schwierigkeit der Unterscheidung führt zu Zweifeln und Imposter-Gefühlen, denn vielleicht bildet man es sich einfach nur ein. Wenn man sich so anders verhalten kann, kann man dann wirklich autistisch sein? Eine neurotypische Performance wird mit neurotypisch sein verwechselt.

Unterschwellig wird durch Medien und Gesellschaft vermittelt, dass Autismus und ADHS nur zählen, wenn sie sichtbar sind und die Schwierigkeiten groß genug sind. Weder die Stärken noch das stillere, nicht so sichtbare und maskierte Leiden werden gesehen.

Autismus-Stereotypen und das Gefühl, „nicht autistisch genug“ zu sein

Das autistische stereotype Bild von Rain Man oder Sheldon Cooper ist zwar veraltet, und immer öfter sieht man auch Personen in der Öffentlichkeit, die diesem Stereotyp nicht entsprechen, z. B. Hannah Gadsby oder Anthony Hopkins. Dennoch kann dieses stereotype Bild Zweifel und Imposter-Gefühle verstärken. Weiblicher Autismus taucht weitaus seltener in der Öffentlichkeit auf und er zeigt sich anders. Aussagen wie „Wir sind doch alle ein wenig autistisch“ und „Du siehst gar nicht autistisch aus“ führen zu mehr Maskierungsdruck. 

Autismus ist nicht salonfähig und nach wie vor mit vielen Vorurteilen verbunden, sodass Betroffene sich nur sehr ausgewählten und vertrauten Personen gegenüber „outen“. Diskriminierungen, Missverständnisse und veraltetes oder fehlerhaftes Wissen (selbst von Fachpersonal) sind immer wieder zu beobachten. Autismus ist ein sehr großes Spektrum und zeigt sich bei jeder Person anders. Von autistischen Menschen, die nicht sprechen und einen hohen Unterstützungsbedarf im Alltag haben, bis zu autistischen Menschen, die kaum oder wenig Unterstützungsbedarf im Alltag haben und neurotypisch wirken. Trotzdem sind sie alle autistisch und werden meistens von der Umwelt weder verstanden, noch wirklich unterstützt. Die bekannte Aussage „Wenn du eine autistische Person getroffen hast, hast du auch nur eine autistische Person getroffen“ ist zutreffend und vielleicht deswegen auch schwer zu verstehen.

Fehlende Spiegelung des autistischen Erlebens und Selbstzweifel

Autistische Merkmale wurden möglicherweise über Jahrzehnte missinterpretiert und falsch eingeordnet. Viele Betroffene dachten wahrscheinlich, persönliche Schwächen, Charakterfehler oder Faulheit wären ursächlich für ihr Anderssein und die Schwierigkeiten in ihrem Leben. Ein negatives Selbstbild entsteht. Man glaubt innerlich: „Ich bin zu viel, zu wenig, falsch, faul, zu langsam oder dumm.“

Fehlende neurodivergenzsensible Spiegelung des Erlebens und Wahrnehmens führt zu selbstablehnenden Schlussfolgerungen. Wird Reizempfindlichkeit z. B. als Schwäche und Übertreibung von außen gespiegelt, kann die Schlussfolgerung sein: „Ich bin zu empfindlich und übertreibe, ich muss mich einfach nur mal zusammenreißen.“
Oder braucht man länger, um vermeintlich einfache Dinge zu verstehen, z. B. aufgrund einer verzögerten Sprachverarbeitung, könnte die Rückmeldung sein, man sei nicht intelligent genug. Dabei hat es nichts mit Intelligenz, sondern mit einer anderen Verarbeitung im Gehirn zu tun.

Wenn das innere Erleben und die Rückmeldungen von außen so auseinandergehen, entsteht ein grundlegendes Misstrauen der eigenen Wahrnehmung und des eigenen Erlebens gegenüber, was einen Nährboden für Selbstzweifel und Imposter-Gefühl bietet. Wenn dann auf einmal Neurodivergenz im Raum steht, ist es verständlich, dass man diese in alter Gewohnheit anzweifelt und die Fehler bei sich selbst sucht.

Selbst- oder Fremddiagnose? Zweifel an der Autismusdiagnose

Ob man den Prozess für eine formelle Diagnose durchlaufen möchte, ist eine individuelle und persönliche Entscheidung und auch eine Ressourcenfrage. Diagnostisches Gatekeeping, in dem der Zugang, durch lange Wartezeiten, hohe Kosten und enge Vorstellungen, wie Autismus oder ADHS „aussehen müsste“, begrenzt und erschwert wird.

Für manche Personen ist ein formeller Diagnoseprozess wichtig. Gleichzeitig kann ein solcher Prozess auch Unsicherheit auslösen, ob man ‚autistisch genug‘ für eine Diagnose ist, besonders wenn Rückmeldungen von Fachpersonen uneindeutig sind. Im besten Falle wird die Diagnostik als ein Erkundungsprozess gesehen, in dem es darum geht, gemeinsam das Erleben zu erkunden. Idealerweise wird dieser Prozess neurodivergenzsensiblen und neurodivergenzaffirmierend durchgeführt, indem es um Unterstützung und Begleitung geht anstelle von Testen und dem Aufzeigen von Defiziten. Und er bietet auch eine Möglichkeit, andere Erklärungen und Diagnosen durch Fachpersonen abzuklären.

Für andere Personen ist eine Selbstdiagnose ebenso gültig. Zumal autistische Selbstdiagnosen oft auf einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema und der eigenen Geschichte beruhen. Es kommt immer wieder vor, dass Autismus-Selbstdiagnosen später formell bestätigt werden.

Wenn man den Diagnoseprozess durchläuft und am Ende keine formelle Diagnose steht, kann das stark verunsichern. Viele Betroffene fragen sich dann, ob sie sich Autismus nur eingebildet haben, und zweifeln erneut an ihrer eigenen Wahrnehmung. Eine formelle Diagnose ist nicht Richter über die eigene Wahrnehmung und das eigene Erleben. Dazu kommt, dass die Diagnosekriterien oft als defizitär und veraltet kritisiert werden. Schließlich muss eine Störung offiziell vorliegen, die diagnostiziert werden kann. Es wird nicht nach der Gegebenheit und Natur des neurodivergenten Gehirns und Nervensystems geschaut, sondern danach, wie es in einer neurotypischen Welt fehlerhaft ist. Viele autistische Menschen finden ihr Erleben nicht vollständig in diesen Kriterien wieder.

Leider werden Autismus und ADHS oftmals noch als Störung und Krankheit gesehen und damit pathologisiert. Das Problem liegt jedoch nicht in der Andersartigkeit des Gehirns, sondern in dem Umfeld, das verlangt, sich auf eine bestimmte (neurotypische) Art und Weise zu verhalten und wahrzunehmen. Für Betroffene ist es jedoch enorm wichtig, sich selbst nicht aus einer defizitären Sicht zu sehen, um eine positive neurodivergente Identität aufzubauen. Zu verstehen, dass eine andere Art von Gehirn und Nervensystem, einen anderen Umgang benötigt, um sich entfalten zu können, ist der erste Schritt auf dem Weg zur Selbstannahme.

Eine positive autistische Identität entwickeln

Unabhängig von Labeln oder Diagnosen sind die Annahme des eigenen autistischen Seins und die Entwicklung einer positiven autistischen Identität, ein wichtiger Faktor, für ein gesundes autistisches Leben. Ebenso gilt es für AuDHD und ADHS. Betroffene berichten von Verbesserung des Wohlbefindens und der Lebensqualität, sowie von Selbstwertgefühl und Selbstmitgefühl. Ein Rückgang von Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Ängsten ist ebenfalls zu beobachten.

Es geht nicht nur um die Abwesenheit von Krankheit, sondern auch darum, sich selbst und die eigene Funktionsweise aus einer stärkeorientierten Perspektive zu verstehen und herauszufinden, wie man autistisch aufblühen kann. Weg von „falsch“, hin zu „anders sein“. Die Diversität eines Gehirns ist nichts, was man heilen oder behandeln kann oder sollte.

Seinen Lebensstil, neurodivergentgerechter anzupassen, ist möglich und zu empfehlen. Auf seinen Körper und neurodivergente Bedürfnisse zu hören, kann besonders am Anfang sehr herausfordernd sein. Es ist ein Teil des Demaskierungsprozesses und bedarf Ausprobierens und Testens. Der Austausch mit anderen Betroffenen und deren Erfahrungen kann helfen, aber auch z. B. professionelle Unterstützung in Form von Coaching, Therapie oder Beratung. 

Neurodivergente Bedürfnisse erkennen und ernst nehmen

Für Menschen, die sensorisch sehr sensibel sind und schnell überreizen, kann sich viel verändern, wenn sie ihre Bedürfnisse erkennen und beachten. Zum Beispiel sensorisch herausfordernde Umfelder (Supermarkt, Einkaufszentrum, große Veranstaltungen) meiden oder sie nur mit entsprechenden Vorkehrungen aufsuchen (z. B. Noise-Cancelling-Kopfhörer, Gehörschutz, Fidget Toys). Es bedeutet auch, sich nicht selbst zu übergehen und etwa Pause zu machen, wenn es nötig ist. Unabhängig davon, wie viel man schon „geschafft“ hat oder wie es auf anderen, neurotypischen Menschen wirken könnte.

Der Kontakt zu anderen neurodivergenten Menschen und ein unterstützendes Umfeld wirken gegen Isolation und soziale Ängste. Andere Personen zu finden, die ähnlich erleben und wahrnehmen, kann einen großen Unterschied für die Lebensqualität und Selbstverständlichkeit bedeuten. Es gibt viele Online-Communities in den sozialen Netzwerken, in denen man sich niedrigschwellig austauschen kann. Aber auch Kontakte offline sind zu empfehlen und neurodivergenzgerecht möglich. In Gruppen und bei Treffen wird oft besonders viel Rücksicht, zum Beispiel auf sensorische, kommunikative Anforderungen oder andere neurodivergente Bedürfnisse, genommen.

Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst und dir eine Begleitung wünschst, die dein Erleben ernst nimmt, biete ich dir einen geschützten Raum, in dem du deine Erfahrungen sortieren und Neues über dich entdecken kannst. Wenn du möchtest, kannst du dafür ein unverbindliches Erstgespräch mit mir vereinbaren.

Nach oben scrollen